Soll Lahm Kapitän bleiben?

Ganz klar nein! Als Führungskraft steht ein Kapitän vor der Herausforderung, außerhalb des Platzes relevante Themen zu benennen. Das heißt er muss einschätzen können, wann ein Thema „dran“  ist und wann nicht. Lahm hat völlig unnötig das Kapitänsthema eröffnet in einem Moment, als die Konzentration auf das nächste Spiel „dran“ war.

Für Größe und Souveranität sprechen eher schon die Reaktionen von Bastian Schweinsteiger vor dem Argentinienspiel (das eigene Team aufrütteln mit Überlegungen über die argentinische Mentalität) oder die von Michael Ballack (unmittelbar nach seiner Verletzung beim Team auftauchen UND alsbald das Team allein lassen; sich während der WM gar nicht zu äußern zu dem von Lahm aufgemachten Thema).
Im Übrigen können wir Vertrauen darin haben, dass Jogi Löw in seiner Funktion als oberster Personalauswähler und –entwickler der Nation eine richtige Entscheidung treffen wird.

WM 2010 – eine Nachbetrachtung

Was bleibt – neben dem furchtbaren Getröte der Vuvuzelas – von dieser Fußball-WM? Zunächst einmal die großen Momente: Thomas Müller grüßt  seine Großeltern, unser entsetztes Schweigen nach einem 0:1 in der Vorrunde, unser Jubel beim 4:1 gegen England, Ghanas Ausschiedsdrama, Bastian Schweinsteiger doziert über die argentinische Mentalität, Maradonas Tränen, final-niederländische Holzerei, spanische Geniestreiche belohnt mit einem Pokal.

Unglaublich die Wirkung der jogischen Personalentwicklungsmaßnahmen auf Arne Friedrich und Miroslav Klose. Prosaisch Maradonas pressekonferenzliche Monologe. Bemerkenswert die Nichtentfaltung der vermeintlich Superstars (absurd gipfelnd in Maradonas selbst- und ihn überhöhender Botschaft „Messi ist mein Maradona.“) Konsequent das Scheitern der selbsterklärt-ewigen Fußballgrößen England, Italien, Brasilien und Argentinien. Gescheitert der Versuch afrikanischer Mannschaften, europäisch zu spielen. Würdelos ein Team namens Frankreich (darüber reden wir nicht).

Argentinien hat uns vorgemacht, wohin es führen kann, wenn vor lauter Selbstbewusstsein der Respekt vor Aufgabe und Gegner so weit sinkt, dass es nicht für nötig erachtet wird, des Gegners Stärken zu analysieren. Das ließe sich aus einem (so nicht ganz gewesenen) Dialog heraus hören.
Schweinsteiger: „Die Argentinier sind so und so, das ist ihre Mentalität. Darauf müssen wir uns einstellen.“
Maradona: „Was ist los Schweinsteiger, bis Du nervös?“

Wie aus detailiertem Wissen um die eigenen Stärken und Schwächen sowie der (aus „högschtem“ Respekt vor dem Gegner geborenen) Aufmerksamkeit für Stärken und Schwächen des Gegners eine erfolgreiche Spielstrategie entstehen kann, haben uns vier Mannschaften vorgemacht: Uruguay, Deutschland, Niederlande, Spanien. Das ist jedoch keine wirklich neue Erkenntnis. Schon Sun Zi hat für uns in seiner „Kunst des Krieges“ notiert: „Wenn du deinen Gegner und dich selber kennst, brauchst du auch den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten.“; publiziert vor über 2.000 Jahren.

Letztlich hat uns die WM daran erinnert, dass Voraussetzungen für Erfolg ein herausragendes Team plus eine geeignete Strategie (entwickelt durch ein gutes Trainerteam) sind, dass der Zufall immer mit regiert, dass es nicht immer gerecht zugeht, und dass Fußball eine wunderbare Sache ist.

Lernen von Jogi Löw: Fokussierung

Journalisten können schon anstrengend sein. Immer wieder versuchen sie, die Aufmerksamkeit auf Nebenthemen zu lenken. Doch unser Jogi schiebt das gekonnt beiseite. Beispiele? Auf den Hinweis (am 30.06.), dass sein Vertrag mit dem DFB am 30.06. auslaufe, das Team aber noch im Turnier sei, antwortet JL entspannt, morgen sei er auch noch da. Auf die Frage, ob nach dem 4:0 Sieg über Argentinien und vor dem Halbfinale gegen Spanien Euphorie in der Mannschaft herrsche, antwortet Löw: „Die Stimmung bei uns ist gut, mehr nicht. Alle sind konzentriert und fokussiert auf den Mittwoch.“

Jetzt machen einige Medien ein neues Thema auf: Soll Ballack zurück kehren ins Team oder nicht? Soll Lahm die Kapitänsbinde behalten nach der WM?

Ich könnte das jetzt beleuchten im Hinblick auf Teamzusammenstellung und Rollenverteilung im Team. Mach ich aber nicht! Denn: „Das wichtigste Spiel ist das nächste Spiel.“ (Dieses Zitat ist zitiert, stammt nicht von mir.) Also: Lasst uns auf dasjenige Thema fokussieren, das jetzt dran ist. Das ist das Spiel gegen das beste Nationalteam der letzten Jahre, das Halbfinale gegen Spanien.

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