Schweigen hilft beim Denken

Kürzlich leitete ich einen Workshop zur Entscheidungsfindung bei einem unserer Kunden. In einer Situation galt es, Argumente pro und contra einer Option zu finden. Rasch waren zwei, drei Dinge benannt. Dann folgte…  Schweigen. Alle Teilnehmer schwiegen, sichtlich beschäftigt mit ihren Überlegungen. Erst nach mehr als einer Minute ergriff der erste mit Bedacht das Wort, bemüht, die Anderen nicht zu sehr zu unterbrechen in ihren Gedanken. Und so floss die Diskussion dahin, mit Denkpausen, gemacht aus Schweigen, und Diskussionen geprägt von Zuhören und Abwägen. Ich habe selten eine effektivere Diskussion erlebt.

Das erinnert mich an das großartige Buch „Dialog als Kunst gemeinsam zu denken“ von William Isaacs. Dort fand ich den in seiner Klarheit beeindruckenden Satz: Wir haben es verlernt, gemeinsam zu Denken.

Ballack oder Das Gute im Schlechten

Ballack fällt also aus für die WM. Ich will nicht auch noch jammern darüber.

Michael Ballack war die Leitfigur, das wichtigste Element im System der (nein, nicht der spielenden 11, sondern der) 23 WM-Spieler. Wenn ein Systemelement  ausfällt, gibt es zwei Alternativen… Entweder wird ein Ersatz gefunden, also ein Element gleicher Qualität und gleicher Passung. Oder, das System wird anders organisiert. Zumindest jedem Fussballinteressierten ist klar, dass Option 1 nicht besteht. Interessant ist nun die Frage, wie sich das System neu organisiert.
Einerseits steht die Frage, ob Yogi Löw wieder zum 4-4-2 zurückkehrt oder im Laufe von Vorbereitung und Turnier einen zweiten Sechser findet (Oh Gott, welchen?). Spannend finde ich auch noch etwas: In jeder Krise soll ja eine Chance stecken. Was also könnte das Gute am Schlechten, am tragischen Ausfall des Michael Ballack sein? In auffallend vielen der letzten Spiele hat unsere Nationalmannschaft (Warum hat sie eigentlich keinen Spitznamen wie andere?) eine enttäuschende Vorstellung abgegeben. Eine rätselhafte Mutlosigkeit hatte reihenweise Spieler ergriffen, alle Verantwortung schien allein auf Michael Ballack zu lasten. Auch energische Hinweise darauf durch ihn selbst führten zu keiner Änderung. Nun aber fehlt der, auf dessen Verantwortungsübernahme sich einige Spieler ausgeruht haben. Genau das kann der Schlüssel zur Veränderung, vielleicht zum Erfolg sein! Jetzt muss sich das System neu sortieren, ist Verantwortung nicht mehr einfach delegierbar, weil dasjenige Systemelement fehlt, welches anderen eine Aufgabe (hier Verantwortung zu übernehmen) zwar ungewollt aber eingeübt abnimmt.

Michael Ballack macht jetzt genau das Richtige: Er stößt zum Team, um die Verwirrung und Trauer aufzufangen, um zu zeigen, ich – der Leitwolf – bin da. Gleichzeitig stellt er klar, während der weiteren Vorbereitung und während des Turniers NICHT präsent zu sein. Das heißt: „Ihr müsst dann ohne mich zurecht kommen. Ich traue Euch das zu.“
Respekt! Ich glaube, einen größeren Dienst als diesen könnte er dem Team in dieser Situation gar nicht erweisen.